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Der Regierende Bürgermeister hat zusammen mit seinem Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten André Schmitz erstmals einen Kulturförderbericht herausgegeben. In dem „Kulturförderbericht 2011 des Landes Berlin“ werden Handlungsfelder, Rahmenbedingungen und Förderbereiche der Berliner Kulturförderung von 2006-10 beschrieben.

http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-kultur/kulturfo__rderbericht_2011.pdf?start&ts=1330259735&file=kulturfo__rderbericht_2011.pdf

Unter dem Motto „the place to be“ heißt es darin u.a.:

Künstlerinnen und Künstler bilden eine tragende Säule des gesellschaftlichen Lebens in unserer Stadt.“ Und weiter: „Dass die Berliner Kultur auch in Zukunft ihre Potenziale für die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger entfalten kann, ist erklärtes Ziel der Senatspolitik. […] Zugleich stiftet Kultur Identität und Zusammenhalt in einer von Vielfalt geprägten Metropole.“ Von Berlin als „internationalem Schaufenster“ und der Kultur als  „wirtschaftlichem Faktor“ ist die Rede. U.a. werden aber auch die „Kulturelle Bildung“ – sie öffne „neue Erfahrungsräume“, helfe „bei der Persönlichkeitsbildung“ und setze „neue Energien frei“ – sowie „Kulturelle Vielfalt“ und „Kultureller Reichtum“ – er ebene „den Weg in die Zukunft“ und verbessere „die Teilhabechancen für alle“ – benannt.

Weiter heißt es: „Die Berliner Kunstszene profitiert von den günstigen Rahmenbedingungen, die die Stadt für künstlerische Produktionen bietet: vor allem von den relativ niedrigen Lebenshaltungskosten, den postindustriellen Freiräumen, der Offenheit der Szenen und der toleranten Atmosphäre, aber auch von der öffentlichen Kunst- und Kulturförderung.“ Allerdings muss ein korrekter Bericht nun auch eingestehen: „Diese fließt zu etwa 95 Prozent in die institutionell geförderten Kultureinrichtungen der Stadt wie Oper, Theater, Orchester, Museen, Gedenkstätten und Bibliotheken. Diese vom Land Berlin und zum Teil vom Bund (mit-)finanzierten „Leuchttürme“ der Berliner Kulturlandschaft strahlen weit über die Grenzen der Stadt hinaus.“ Ja genau, da sind sie doch wieder! Die „Leuchttürme“. War nicht eben noch von Künstlerinnen und Künstlern, der Berliner Kunstszene, Bürgerinnen und Bürgern die Rede?

Zweifellos ist BERLIN eine tolle Stadt! Das finden wir ja auch. Deshalb leben und arbeiten wir hier. Aber diese Sonntagsreden-Hochglanzbroschüren-Darstellungen, die in dem Förderbericht einen breiten Raum einnehmen, gehen doch oft am Wesentlichen vorbei.

 

Unter „1.1 Kunst- und Künstlerförderung“ kommen wir dann wieder ins Feld der Betrachtung: „Wenn Berlin heute zu Recht als künstlerisches Zentrum Deutschlands gilt, dann hat die Stadt diesen Ruf neben den renommierten Kultur- und Ausbildungseinrichtungen“ [apropos Ausbildungseinrichtungen, darauf komme ich noch zurück…] „ganz wesentlich den hier ansässigen Künstlerinnen und Künstlern zu verdanken. Ihr Anteil an der Bevölkerung ist in Berlin fast zweieinhalb Mal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Berliner Kulturpolitik zielt darauf, die hohe Anziehungs- und Bindungskraft der Stadt für Künstler und Kreative dauerhaft zu erhalten, sei es durch infrastrukturelle Förderung, um z.B. geeignete und erschwingliche Räume für künstlerische Produktion und Präsentation (v.a. Probenräume und Ateliers) zu sichern oder mittels flexibler Produktionsbudgets zur Unterstützung von Künstlern und künstlerischen Projekten.“ Weiterhin wird angeführt, dass die Infrastrukturförderung zur Sicherung von Rahmenbedingungen für die Kunstproduktion der Freien Szene „überaus differenziert“ sei. Letztlich geht aus den Ausführungen jedoch hauptsächlich hervor, dass der Anteil der Förderungen lediglich ca. 10%  im Vergleich zu den Antragstellungen beträgt.

 

Und auf Seite 9 geht´s dann um den Armutsfaktor:

„Zunehmend geraten auch die Einkommenssituationen von freischaffenden Künstlern und damit die erwerbswirtschaftliche Dimension der Kunstproduktion in den Blick.“ [was hat ihnen denn den Blick so lange verstellt?] „Bisher kann nur ein kleinerer Teil der in freien Strukturen tätigen Künstler ihren Lebensunterhalt mit künstlerischen Tätigkeiten bestreiten. Von öffentlicher Förderung allein werden freischaffende Künstler auch künftig kaum dauerhaft existieren können. Damit Kunstschaffende trotzdem von ihrer Kunst leben können, kommt – ergänzend zum Ausbau der öffentlichen Infrastruktur- und Projektförderung – der Qualifizierung von Künstlern und Kreativen für die Etablierung auf dem Kunst- und Kulturwirtschaftsmarkt eine besondere strategische Bedeutung zu.“

Bleiben wir doch gleich mal dabei: Was heißt jetzt wohl „strategische Bedeutung“? Laut einem Artikel im Tagesspiegel  vom 15.02.2012 stellten doch Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) fest: “Künstler sind auch dann glücklich, wenn sie nicht von ihrer Arbeit leben können.“ Um das Seelenheil von Künstlern kann es also nicht gehen. Ein Blick in die Statistik der Studie des IFSE / Institut für Strategieentwicklung vom Juni 2011 bringt etwas mehr Licht ins Dunkel: Demnach leben ein Viertel aller Künstler in der Stadt (inkl. der groß Etablierten) von der Unterstützung durch Hartz IV, Sozialhilfe, Arbeitslosengeld oder von privaten Unterstützern. 28% der Künstler sind – z.T. hoch – verschuldet. Hinter vorgehaltener Hand meinte eine Kollegin letztens sogar, dass ca. die Hälfte der BBK-Mitglieder von Hartz IV lebe. Da hat man als Regierung natürlich ein Interesse, diese Leute in Brot und Arbeit zu bringen.

 

Schauen wir uns das mal genauer an:

Im Durchschnitt haben Berliner Künstler 11.612 Euro Jahreseinkommen. Demgegenüber liegt das jährliche Durchschnittseinkommen von Künstlern im Bundesgebiet bei 13.185 Euro.

Zum Vergleich dazu: Das durchschnittliche Jahreseinkommen der gesetzlich versicherten Bürger beträgt 32.003 Euro. Nun ist das mit dem Durchschnitt ja immer so eine Sache. Den Durchschnittskünstler gibt es ja nicht. Deswegen ist es interessant, die Zahlen einmal einzeln zu betrachten: 42% der Berliner Künstler verdienen bis zu 6.000 Euro. 31% verdienen über 12.000 Euro und lediglich 11% mehr als 30.000 Euro im Jahr. Die überwiegende Mehrheit kann ihre Kosten nur zum Teil oder gar nicht mit Einkünften aus ihrer künstlerischen Arbeit decken.

 

Um welche Art „Etablierung“ kann es denn gehen?

Jetzt komme ich auf die „Kultur- und Ausbildungseinrichtungen“ zurück. Künstler verdingen sich z.B. als Verkäufer in Museumsshops, machen Führungen in Ausstellungen oder wenn´s hoch kommt (jedenfalls was die Ehre betrifft) bekommen sie einen Lehrauftrag an einer Hochschule, wo sie – da in unseren Hochschulen seit Jahrzehnten der Mittelbau von angestellten Hochschuldozenten fehlt – (wieder mal) eine „tragende Säule“ sind. D.h. konkret, dass sie verantwortlich die Lehre für die Studenten übernehmen, jedoch dafür weniger als eine Putzfrau bekommen – und das absolut ohne soziale Absicherung.

Hier als Beispiel der Protest von Musiklehrenden:

http://www.nmz.de/artikel/dozenten-als-tageloehner

http://www.bklm.org/

Wenn man sich mal klarmacht, was diese Lehrenden für einen Wert erschaffen, indem sie Menschen dazu befähigen, vielleicht mit dem Erlernten mal wirklich richtig Geld zu verdienen, steht ihr Verdienst in keinem Verhältnis zu ihrer Leistung.

Doch das mit dem „wirklich richtig Geld verdienen“ ist nicht so einfach. Der einzige Bereich, in dem z.T. richtig gut verdient wird ist der der sog. Kreativwirtschaft.

Künstler meiden diese Bereiche jedoch eher, während die Kreativwirtschaft die Nähe zu den Künstlern sucht.

Was ein weiterer Tätigkeitsbereich für – teilweise zusätzlich qualifizierte – Künstler, Kunstpädagogen oder Künstlerische Therapeuten ist, das sind die Kooperationen mit Künstlern für Projekte in Schulen und ähnlichen Institutionen. Auch dieser Bereich der Kulturellen Bildung wird in dem Kulturförderbericht groß herausgestrichen. Und ich weiß aus persönlichen Kontakten und Erfahrungen, dass hier großartige Arbeit geleistet wird.

 

Hier finden Sie wunderbare Beispiele:

http://berlinerprojektfondskulturellebildung.wordpress.com/

Doch sollte man sich nicht von den Fördersummen täuschen lassen. Über den Verdienst derjenigen, die diese Arbeit mit viel Engagement und Einsatz tun, sagt dies nicht aus. Auch sie verdienen wie die Lehrenden in den Hochschulen einen Hungerlohn, und das unter denselben prekären Arbeitsbedingungen. Dabei legen sie überhaupt erst die Grundsteine einer kreativen Entwicklung unserer Kinder, aus denen dann hoffentlich mal kreative Erwachsene werden. Ebenso ergeht es den an Volkshochschulen Unterrichtenden.

 

Ich komme zurück an den Anfang:

Welches sind die Faktoren, die Künstler in der Stadt halten und was tut die Stadt dafür?

Laut der Studie des zuvor schon genannten IFSE zeichnet sich folgendes Bild:

Hauptfaktoren dafür, dass Künstler in der Stadt bleiben bzw. umgekehrt Gründe für einen möglichen Weggang sind (Reihenfolge nach Priorität)

  • bezahlbare Mieten für Wohnraum und Arbeitsräume entsprechend ihres Einkommens
  • günstige Freiräume
  • Vielfalt der Berliner Kunstszene und Austausch mit anderen Künstlern
  • Förderprogramme (wobei man sich freie Formen von Zuwendungen für Mieten und Projekte wünscht)
  • interessante Räumlichkeiten
  • Möglichkeiten für bezahlte Jobs als zusätzliche Einkommensquelle

„Insgesamt werden zur Zeit vor allem Gentrifizierung, steigende Mieten, Immobilienspekulanten, Touristen und ein Hype um Berlin allgemein und um die Kunstszene im Besonderen negativ mit Berlin verbunden, ebenso wie Armut, Dreck und Lärm. Positiv werden vor allem die Offenheit, Toleranz, Vielfalt und Lebendigkeit der Stadt bewertet.“ (S. 13)

KünstlerInnen sind weitaus weniger die vermeintlichen „Nomaden“, als die sie gern angesehen und mystifiziert werden. Sie leben und arbeiten eher dauerhaft über Jahre und Jahrzehnte und das ganze Jahr über in Berlin und begreifen die Stadt als ihren Lebensraum. Sie brauchen Atelierräume in Wohnnähe. Die Innenstadt mit ihrer kreativen Infrastruktur ist der Bereich, wo sie leben und arbeiten können und wollen. 48% ihrer Ausstellungen machen sie in „Kunsträumen/Off-Spaces/Projekträumen. Dies zeigt, „die wichtige Rolle der unterschiedlichen freien Räume in Berlin“.

Dies steht in klarem Gegensatz zu dem Interesse und erklärten Ziel der Landesregierung Berlins, den Kulturtourismus und die Vermarktung Berlins mitsamt seiner Immobilien weiter voranzutreiben und zu steigern. Zwar kennt auch der Senat das Immobilienproblem und besonders den Ateliernotstand in Berlin, doch was geschieht, das sehen wir gerade wieder mit den bisherigen und erneuten Verkaufsabsichten beispielsweise in Charlottenburg-Wilmersdorf, https://altlietzow12.wordpress.com/2012/03/02/der-ausverkauf-von-kunstlerstandorten-in-charlottenburg-wilmersdorf-geht-weiter/ und

http://www.bbk-berlin.de/con/bbk/front_content.php?idart=1893&refId=199 aber auch in der ganzen Stadt.

Hier werden Räumlichkeiten aus öffentlicher Hand preisgegeben, wo doch der Regierende Bürgermeister erst in seinem Bericht zur Atelierförderung vom 24.1.12 versichert hat, Künstlerateliers in öffentlichem Besitz vor Veräußerung zu schützen und neue hinzu zu gewinnen.

http://www.parlament-berlin.de/ados/17/Haupt/vorgang/h17-0149-v.pdf

Regina Liedtke, Berlin 5.3.12

Hier noch mal als PDF:

Zur Situation von Kunst und KünstlerInnen in Berlin, Teil 2

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