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(letzte Aktualisierung: 29.06.2014)

Ex und flopp

 
Wie es scheint, gibt es kaum einen Berufsstand, der so verkannt wird wie der des Künstlers / der Künstlerin. Künstler werden hochstilisiert zum Genie, zum Highlight von kulturellem Genuss, zu „dem Anderen“, was man selbst entbehrt. Und sie werden genauso auch wieder fallen gelassen. Man bedient sich ihrer nach Belieben, ob mit oder ohne Professorentitel, ob von Seiten des Staates oder in persönlichen Begegnungen. Da denkt sich der Zahnarzt oder der Kiezpolitiker, es wäre doch nett, sich die eigenen Räume mit Bildern schmücken zu lassen und fühlt sich dann noch als großer Gönner. Da werden mal eben ein paar Musiker gebucht, die ein Event „musikalisch begleiten“ sollen und genauso „mal eben“ wird ihnen wieder abgesagt, weil´s grad doch nicht passt. Man nimmt sie in Dienst zum Zwecke des eigenen Prestiges. Hier mal eine Gedenktafel einweihen, da mal eine Eröffnungsrede halten, das macht sich immer gut. Doch was an Arbeit für den Künstler / die Künstlerin daran hängt, auf welchen Kosten er bzw. sie hängenbleibt und was es alles braucht, damit eine Kooperation gut gelingen kann, ist allseits kaum bekannt und ist für die andere Seite auch nicht von Interesse.
Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen, haben sich in den letzten Jahren diverse Künstlerinitiativen gegründet. So hat die 2012 gegründete Koalition der Freien Szene im letzten Jahr verschiedentliche öffentlichkeitswirksame Aktionen in Berlin veranstaltet, die auch in anderen Städten aufgegriffen wurden. Die Künstlerbewegung art but fair entstand aus einem Protest von Stars der „Oberliga“, die von dem Mythos umringt sind, dass sie schon für ihre Höchstleistungen ein ebensolches Gehalt bekämen. Der Berufsverband Bildender Künstler Berlin dagegen hat schon seit langem den Versorgungsnotstand von Künstlern auf seiner Agenda und engagiert sich u.a. für Ausstellungshonorare, künstlergerechte Förderstrukturen und – in Kooperation mit ver.di – für respektable Vertragsbedingungen zwischen Künstlern und Nutzern aller Art.

 

von Kunstausstellungen leben viele..

 

I AM AN ARTIST – THIS DOES NOT MEAN I WILL WORK FOR FREE
I HAVE BILLS JUST LIKE YOU
Rundbrief des BBK Berlin, Frühjahr 2014
http://www.bbk-berlin.de/con/bbk/upload/downloads/bbk-berlin_rundbrief_2014-1_web.pdf

Kunst ist ein Beruf Plakat des BBK Berlin
Kunst ist kein Hobby. Kunst ist ein Beruf.
Künstlerische Arbeit ist ein öffentliches Gut. In ihr vergegenständlicht sich geistige und emotionale
Erfahrung und Erkenntnis, hier entwickelt sich gesellschaftliche Vorstellungskraft. In der Kunst finden Zeit- und Unzeitgemäßes, Visionäres, Widerspruch oder Zuspruch einen ästhetischen Ausdruck, hier visualisieren sich geistige und emotionale Selbsterfindung, erfährt und dokumentiert sich Zeitgenossenschaft. Gesellschaften, denen das fehlt, fehlen Entwicklungsperspektiven. Die Entwicklung menschlicher Grundeigenschaften wie Empfindung, Wahrnehmung, Gefühl, Geist, die Formung der Sinne, gebündelt als gesellschaftliche Vorstellungskraft, ist ein gesellschaftliches Muss. Darum Kunst!
Künstlerinnen und Künstler sind sich des wirtschaftlichen Risikos bewusst, das sie eingehen, wenn sie den Künstlerberuf wählen. Gerade deshalb sind Staat und Gesellschaft gehalten, ihnen mit Respekt und Fairness zu begegnen. Natürlich tun Künstlerinnen und Künstler im eigenen Interesse alles, um sich eine wirtschaftliche Basis zu schaffen.

Kunst ist teuer und kostet Zeit
Die meisten Künstlerinnen und Künstler üben eine Zweitbeschäftigung aus, mit der sie ihre künstlerischen Arbeiten abzusichern suchen. Die unterbezahlten Arbeiten in der Pädagogik, in der Stadtteilarbeit, der Kreativwirtschaft oder die oft noch schlechter bezahlten und daher noch zeitaufwändigeren Hilfstätigkeiten in Dienstleistung oder Gewerbe sichern oft weder die Existenz noch die künstlerisch Arbeit. Schwankende und unsichere Einnahmen aus Kunstverkäufen können die prekäre Lage meist nur wenig bessern. Diese Einnahmen werden meist überschätzt. Es gibt Kunstformate, die sich für einen Verkauf nicht eignen.

Der Zeitaufwand für „Zweitbeschäftigungen“ wird immer größer.
Mieten und Lebenshaltungskosten steigen.
Zum Künstlerberuf gehören neben der täglichen künstlerischen Arbeit weitere zeitliche und materielle Aufwendungen, wie die notwendige Werbung, Ausstellungsvorbereitungen, Materialerkundung, Beziehungspflege bei Galerien und Kunstvereinen, Wettbewerbsbeteiligungen, Transporte, notwendige Reisen und nicht zuletzt die Teilnahme am kulturellen Leben. Am Ende bleibt für die konzentrierte, kontinuierliche künstlerische Arbeit wenig Zeit, oft sogar nur noch Wochenenden. Die Qualität der Kunst leidet. [….] (Auszug aus dem Leitartikel von Herbert Mondry, 1. Vorstandsvorsitzender des BBK Berlin)

 

logo_artbutfair_beta1art but fair – „Revolution der Künstler“
http://www.elisabethkulman.com/pressetext-revolution-der-kunstler/
„Aus einem spontanen Impuls heraus von Musical-Produzent Johannes Maria Schatz am 19. Februar 2013 gegründet, löste die Facebook-Seite „Die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Auditionserlebnisse“ unter Künstlern umgehend einen regelrechten Sturm aus. [… ] Prominente Unterstützung erhielt die Facebook-Seite am 11. März 2013 durch die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman, die es wagte, Missstände in der „Oberliga“ des Kulturbetriebs öffentlich anzuprangern, über die man bislang nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt hatte. Namentlich kritisierte sie die ersatzlose Streichung der Probengelder bei mehrwöchigen Opernproduktionen der Salzburger Festspiele durch Intendant Alexander Pereira [….]“

Aus einer Vergütungsumfrage:
http://artbutfair.org/neue-verguetungsumfrage-veroeffentlicht/
• Der Median der Schauspieler-Gagen liegt bei 1.800 Euro brutto im Monat und ein Viertel der befragten Schauspieler sind dauerhaft armutsgefährdet.
• Doch es geht noch weniger: mit 889 Euro brutto muss ein Viertel der selbstständigen Regisseure im Monat auskommen. […]

Die Ziele:
• die Künstler untereinander zu solidarisieren und zu vernetzen;
• die Öffentlichkeit auf die Missstände hinzuweisen und Aufklärungsarbeit hinsichtlich des Berufsbildes Künstler zu leisten;
• die essentielle Bedeutung und den einzigartigen Wert der Kunst und der Künstler ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken;
• die am Kulturbetrieb Beteiligten – Künstler, Veranstalter, Intendanten, Agenten, Lehrer, Kulturpolitiker etc. – an einen Tisch zu bringen und gemeinsam, im konstruktiven Dialog, Maßnahmen zur Verbesserung der Situation zu finden und diese umzusetzen.

Hierzu eine Sendung von Deutschlandradio Kultur:

http://www.deutschlandradiokultur.de/hungerloehne-im-musikbetrieb.1013.de.html?dram:article_id=257574

Fair pay

 

War Ihnen das bekannt?
Sind Sie – erstaunt – schockiert ?
Gut, dass wir drüber gesprochen haben.

Das MUSS sich ändern!
Sagen Sie uns Ihre Meinung. Schreiben Sie uns einen Kommentar.

 

Ich grüße Sie!

Regina Liedtke

 

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12.06.2014 – komme gerade von der Vernissage der Ausstellung  Ästhetik des Widerstands, Foto Stephane Bauer

„Die Ästhetik des Widerstandes“ / Galerie im Turm

Aus dem Katalog: Was hat das mit uns zu tun? von Sabine Winkler

Hier ein paar Auszüge, die mir gerade passend erscheinen, die oben geschilderten Zustände, theoretisch zu reflektieren und besser zu verstehen:

„Sozialpolitischer Kontext wurde hartnäckig ignoriert und ausgeblendet, indem Kunstwerke und künstlerische Entwicklung jenseits von Wirklichkeit und sozialpolitischem Kontext betrachtet wurden. Durch diese Trennung von Kunst und Leben wurden Arbeitsbedingungen von Künstler_innen negiert, deren politische Standpunkte ignoriert und in Werken vorhandene Herrschaftskritik verleugnet. Durch die in der Kunstgeschichte vollzogene interpretatorische Trennung von Kunst und Wirklichkeit wurde das Objekt und der Künstler_innenname zum ästhetischen Wertmaßstab, jenseits der Geschichte seiner Produktionsbedingungen.“ […]

„Machtsysteme konstituieren sich u.a. über kulturelle Hegemonie, um auf diesem Weg Ideologiefelder zu verankern, um Techniken der Gewalt und Unterdrückung als Praxen der Freiheit erscheinen zu lassen. Diskursfelder werden vorgegeben, es wird bestimmt, wer sichtbar und wer unsichtbar ist, wer gehört und wer nicht gehört wird, wem der Zugang zu Bildung gewährt wird und wem nicht.“ [….]

Kunst kann jedoch auch diese Verhältnisse bewußt machen und zur kritischen Reflektion anregen. Kunst ist immer auch Gestaltung von potentiell Möglichem.

„Kunst repräsentiert das Prinzip Hoffnung: sie dient als Referenz- und Bezugspunkt, um Geschichten der Unterdrückung als solche darzustellen und Widerstand als Möglichkeit zur Veränderung zu erkennen. Die Identifikation erfolgt über die ästhetische Wahrnehmung durch die Inbezugsetzung von historischer und aktueller sozialpolitischer Wirklichkeit. Die Frage „Was hat das mit uns zu tun?“ bezieht sich auf diesen gesellschaftspolitischen Bezug von Kunst und Realität, der immer wieder neu verhandelt werden muss.“ […]

„Hier öffnet sich ein politischer Aktionsraum für die Kunst: sie kann u.a. beitragen, eine Bühne, ein Diskursfeld zu ermöglichen, um die Sichtbarkeit und das Gehört werden von Ausgeschlossenen und „Anteillosen“ zu unterstützen, um Umverteilungsprozesse von Besitz, Recht, Macht und Definitionsmacht in Gang zu bringen, indem sie Allgemeines symbolisiert [Jaques Ranciére]. [….]

„Kunst kann u.a. eine Möglichkeit zur Politisierung darstellen, indem sie Wissen über Machstrukturen vermitteln, Zusammenhänge sichtbar und Politiken des Geheimen öffentlich machen kann.“ [….] Politische Veränderung wurde von neoliberaler Seite her als unmöglich erklärt und der Status Quo mit ökonomischer Notwendigkeit legitimiert, um Subjekten politische Handlungsoptionen abzusprechen und Widerstand a priori zu verhindern“ […]

„Stattdessen wurde Veränderung auf das Selbst transferiert und zur Pflicht erklärt, im Sinne von effizienzorientierter Selbstoptimierung. Um nicht das kapitalistische System ändern zu müssen, mussten sich die Subjekte ändern.“ […] „Die Selbstoptimierungspflicht und die Verwertung von Subjekten als Objekte sind zwei Seiten einer Medaille: beide verhindern im Namen der ökonomischen Notwendigkeit die Politisierung der Subjekte und die Infragestellung der Symbolisierung des Allgemeinen [Ranciére]. Widerstand erfordert emanzipierte Subjekte und Widerstand bietet gleichzeitig eine Möglichkeit zur Subjektwerdung.“ [….]

„Verelendung und Armut sollen unsichtbar bleiben, weil sich genau hier das Gewaltpotenzial des Kapitalismus offenbart. Elend wird im Namen der ökonomischen Notwendigkeit, Verelendung wird verleugnet oder als selbstverschuldet stigmatisiert“

Die hier von der Autorin glasklar beschriebenen Mechanismen haben z.B. dazu geführt, dass der Eigner sich unserer Immobilie Alt-Lietzow 12 „im Namen der ökonomischen Notwendigkeit“ entledigt hat und wir unter dem Zwang zur „Selbstoptimierung“ nun versuchen, die Last wie „selbst verschuldet“ zu tragen. Aber unser Widerstand hat auch zu unserer Erstarkung, Sichtbarwerdung und „Subjektwerdung“ als Künstlerhof in der Öffentlichkeit geführt!

Ähnlich verhält es sich mit der eigentlichen künstlerischen Produktion, Präsentation und Rezeption. Die Mißstände im Kunstbereich werden von der Öffentlichkeit ignoriert und den Künstlern persönlich zugeeignet, während man die glanzvollen Seiten gern in Dienst nimmt. So hat die  Absage der Veranstaltung / meiner Ausstellung im Kiezbüro Verrycken unter dem Motto „Politik trifft Kunst“ erst mal die angebahnte Kooperation im Charlottenburger Norden zum Scheitern gebracht, aber zu einer breiteren Aufmerksamkeit und weiteren Politisierung geführt.

In der Ausstellung „Die Ästhetik des Widerstandes“ wird der gesellschaftskritische Diskurs wieder zur Kunst gemacht. Mögen sie miteinander auf diesem Wege in einer größeren Öffentlichkeit  lebendig und fruchtbar werden.

Infos zur Ausstellung und zum Begleitprogramm

R.L.

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Und hier zum Schluß noch etwas ganz Besonderes:

Ein Feature von Gesche Piening / Bayerischer Rundfunk + Deutschlandfunk

„kreativ, aber günstig“

Der Künstler als ideales Arbeitsmodell westlicher Ökonomie

LOHNT SICH!

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Und eine Sendung von Deutschlandradio Kultur vom 25.06.2014 von Anette Schneider:

Miese Arbeitsbedingungen

DAS KULTUR-PREKARIAT

Die Abgründe hinter dem Kulturbetrieb

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Das ist doch auch gut für Deine Vita

 

 

Die heutige Lebenssituation von Schauspielern und Kunstschaffenden ist ein Leben am finanziellen Scheidepunkt, ein Wanken zwischen „ein grad noch“ oder „nicht mehr davon leben können“. Zusätzlich verändern und verengen sich die Lebensräume von Kunstschaffenden durch die fortschreitende Gentrifizierung. Die soziale Schere weitet sich.
Ist es also mutig, als Kunstschaffender in Zeiten von Hartz4, Gentrifizierung und sozialer Verrohung zu leben?

 

Mehr zu Courage versus Kommerz – von Nicolas Oxen

im Rahmen von 48hNKLogo201448 Stunden Neukölln:

http://www.neukoellner.net/48-stunden-neukoelln-48h-festival/courage-versus-kommerz/

 

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