Stellungnahme zum Erhalt des Künstlerhofs

STELLUNGNAHME

DER KÜNSTLERGEMEINSCHAFT DES Künstlerhofs Alt-Lietzow 12

ZU DEM VOM LAND BERLIN GEPLANTEN VERKAUF DES HAUSES

(Stand: 2011, letzte Aktualisierung Mai 2014 / 3. Die Künstler im Künstlerhof, 5. Protest und Appell – letzter Absatz)

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1. Der Standort in seinem bezirklichen und gesamtstädtischen Kontext

Der Künstlerhof Alt-Lietzow 12 hat seinen Standort am Rande der City-West und befindet sich unweit des im Stadtentwicklungsplan als Innere Stadt City-West besonders ausgewiesenen urbanen Zentrums, dessen Vermarktung als ein Hauptbaustein des Marketings der gesamten Metropole Berlin gilt.

Hierzu heißt es von offizieller Seite:

„Die City West verfügt über die urbanen Qualitäten einer europäischen Metropole. Hier kristallisiert sich, was Berlin attraktiv macht: Beste Infrastruktur, lebendige Wohnviertel sowie Konsum und Amüsement auf internationalem Niveau. Die City West ist als einer der beiden großen Zentrumsbereiche der Stadt ein wesentlicher Imagefaktor für die überregionale Attraktivität und Bedeutung der Metropole Berlin. Die Potenziale der City West als Einkaufsstandort, als Ort touristischen Interesses, als Standort für Bildung, Kultur, Wissenschaft und Büronutzungen sowie als herausgehobener Wohnstandort sollen weiter gestärkt werden. Die vorhandene, historisch geprägte, typische Struktur der Nutzungsmischung und -vielfalt muss erhalten und verbessert werden. Die City West hat eine gesamtstädtische Bedeutung und muss deshalb auch entsprechend planerisch betreut werden.“

Ingeborg Junge-Reyer, Senatorin für Stadtentwicklung

Ein eigens dafür gebildetes Regionalmanagement City-West ist gegenwärtig dabei, den heruntergekommenen Stadtteil mit Bundesmitteln wiederzubeleben und zu fördern. Mit wohlklingenden Worten soll das Image der alten City-West aufpoliert und für Investoren attraktiv gemacht werden.

Gentrifizierung in großem Stil – mit allen Vor- und Nachteilen!

Diese „Randlage“ birgt vielfältige Chancen der Kooperation und Vernetzung, aber auch Risiken.

Bereits heute gehört Charlottenburg-Wilmersdorf nach Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg zu den Bezirken mit der höchsten Häufigkeitsdichte von Straftaten. Zudem verzeichnet der Bezirk mit 2.772 Straftaten und 5,7% die höchste Zunahme gegenüber Mitte mit 1.943 Straftaten. Dabei stellt der Stadtteil Charlottenburg den am stärken betroffene Bereich dar. Auch die kiezbezogenen Straftaten konzentrieren sich in diesem Gebiet. Beim Diebstahl von und aus Kraftwagen steht Charlottenburg-Wilmersdorf sogar mit 1.080 Diebstählen an der Spitze der Rangliste. Ebenso bei den Wohnungseinbrüchen. Bei Sachbeschädigung mit Graffittis verzeichnet Charlottenburg-Wilmersdorf mit 646 Straftaten in einem Jahr (2008 – 2009) mit Abstand die größte Zunahme (86,4%).

Besondere soziale Brennpunke, die jedoch nicht durch Förderungen wie das Projekt „Soziale Stadt“ betreut werden, bilden die Umgebung des Künstlerhofs. So sind Vandalismus, Drogenhandel und die Ansiedlung von problematischem Gewerbe an der Tagesordnung (wo gestern noch ein normales Einzelhandelsgeschäft war, ist heute eine Poker-Bar).

Neben herausragenden Hochglanzvorhaben und der forcierten Förderung von Superlativen sollte nicht vergessen werden, daß Charlottenburg eine hohe Belastung in der Sozialstruktur aufweist. In keinem anderen Bezirk Berlins sind die sozialen Unterschiede so groß wie in Charlottenburg-Wilmersdorf. Hier klafft die Schere zwischen arm und reich besonders eklatant. Das hohe Touristenaufkommen, das erklärtermaßen weiter gesteigert werden soll, verstärkt die sozialen Spannungen u.a. durch die ihm immanente große Fluktuation und Annonymität. Der Anteil der Menschen, die sich im Bezirk verwurzelt fühlen und das soziale Leben konstruktiv mittragen, verringert sich dramatisch. Die Bevölkerungsstruktur ist geprägt durch Abwanderung und Vertreibung von langjährig ansässigen deutschen Bürgern (z.B. von Menschen wie uns im Künstlerhof Alt-Lietzow 12) und durch Zuwanderung vorrangig von Türken, (ehem.) Jugoslawen, aus GUS-Staaten, Polen u.a. In unserem Kiez und Umgebung: 20-25 % und mehr ausländische Bürger ( Tendenz steigend). Ausländer bilden einen Anteil von 30% der Sozialhilfeempfänger. Außerdem betrifft die Armut besonders Kinder und Jugendliche (aus alleinerz. und kinderreichen Familien). So prägen beispielsweise die Schüler einer großen nahegelegenen Schule „zur Berufsvorbereitung von benachteiligten Jugendlichen“ tagtäglich das Alltagsleben der kleinen, an der Rückseite des Rathauses Charlottenburg gelegenen Straße Alt-Lietzow auf belastende Weise.

 

2. Kunst und Kultur im Bezirk und in der Hauptstadt

Überall im Land und im internationalen Ausland tönen die Slogans: „be Berlin“ – Berlin ist sexy, innovativ und kreativ! Berlin wirbt mit der bunten Lebendigkeit der Menschen in dieser Stadt. Doch gefördert werden weit überproportional die etablierten Leuchttürme der „großen“ Künste und andere Großveranstaltungen. Demgegenüber weist beispielsweise der Berufsverband Bildender Künstler / BBK Berlin-Brandenburg seit Jahren und Jahrzehnten auf den akuten Mangel an Ateliers und Ausstellungsräumen für hier ansässige Künstler hin und mahnt Besserung an. (Lesen Sie hierzu auch die im Anhang beigefügte Stellungnahme des BBK in Bezug auf die aktuelle Untersuchung des Instituts für Strategieentwicklung)

Auch und besonders in Charlottenburg hat man den Fehler begangen, sich mit einer Ausschließlichkeit auf die Förderung renomierter Kultureinrichtungen und die Erinnerung an vergangene bessere Zeiten zu konzentrieren und dagegen stadtteilnahe Künstlerprojekte, die den wertvollen kreativen Humus der Künste und des sozialen Miteinanders bilden zu zerschlagen, wie beispielsweise das Atelierhaus K19 am Klausener Platz, dessen Abwicklung ja angeblich so gut gelaufen sei! (welches jedoch auf der Homepage des Bezirks immernoch aufgeführt wird) .

Nun hat der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf entschieden, als nächstes den Künstlerhof Alt-Lietzow 12 zu opfern.

Interessensbekundungen am Künstlerhof Alt-Lietzow 12 „als Treffpunkt für die Kulturszene im Bezirk“ wie vom Leiter des Kulturbüros Mathias Niehoff u.a. blieben bloßes Lippenbekenntnis. (siehe Anhang 3)

 

3. Der Künstlerhof Alt-Lietzow 12 – gelebte Kunst und Kulturarbeit seit 30 Jahren

Der Künstlerhof Alt-Lietzow 12 ist ein Ort mit Tradition. Seit mehreren Jahrzehnten sind hier Künstler aus unterschiedlichen Bereichen tätig und bieten für die Menschen im Bezirk und weit darüber hinaus Möglichkeiten an, in Malkursen, Kreativitätsseminaren, Musiksessions, Kreativem Coaching und Künstlerischen Therapien ihre eigene Kreativität zu entwickeln. Außerdem fanden in der Vergangenheit zahlreiche Veranstaltungen wie Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, Theateraufführungen und Hoffeste statt, die immer gut besucht waren.

Darüber hinaus ist es den dort ansässigen Künstlern und Kulturschaffenden gelungen, den Hof durch einen hohen Anteil an Eigeninitiative und zusätzlicher Arbeitsleistung zu einer kleinen Oase und grünen Lunge mitten in der Stadt zu machen. So ist hier durch jahrelange Kleinarbeit ein kleines Biotop entstanden, an dem sich in diesem Jahr erstmalig sogar der selten gewordene Gartenrotschwanz – Vogel des Jahres 2011 – eingefunden hat. Der Künstlerhof Alt-Lietzow 12 ist ein Ort, an dem sich (nicht nur) die Menschen wohl fühlen.

Aber der Künstlerhof Alt-Lietzow 12 entfaltet nicht nur seine Wirkung vor Ort, sondern fungiert auch als Heimatbasis für künstlerische Kontakte in andere Bundesländer Deutschlands und ins internationale Ausland.

 

Die Künstler im Künstlerhof

Im Künstlerhof arbeiten sechs Bildende Künstlerinnen und ein Schriftsteller / Schauspieler:

Brigitte Arndt

Gebürtige Berlinerin. Künstlerin / Malerin • Diplom als Werbe- und Fotografikerin • Grafikdesign, Typografie, Fotografie, Buchherstellung, Werbung Freie Grafik, Radierung, Lithografie, Malerei Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler, Berlin Studium der Kulturpädagogik (HdK Berlin, BBK) • Kunst- und Kulturprojekte in Berlin, Unna und Kiel; Leitung von Kunst- und Kreativitätsseminaren Einzel- und Gruppenausstellungen in Berlin, Potsdam, Heidelberg, Köln, Assen (Niederlande), Tours (Frankreich), Venice (Kalifornien). Arbeiten im privaten und öffentlichen Besitz. Tätig in Berlin, Mallorca und Usedom. Sie arbeitet seit 26 Jahren in Alt-Lietzow und ist die Gründerin des Künstlerhofs. Sie hat bereits 2001 ein Konzept für den Künstlerhof als Kultur- und Kommunikationsort vorgelegt und versucht, zu verwirklichen, was jedoch zu Zeiten der bezirklichen Verwaltung des Hauses nicht möglich war. In all den Jahren veranstaltete sie unzählige Ausstellungen, Hoffeste, Theatervorstellungen, Konzerte und Lesungen für Kunst- und Kulturinteressierte.

Michael Lederer

Theaterstudium an der University of New York. Mitglied des National Art Club New York, Actor´s Equity Association, American Federation of Television and Radio Artists u.a. Er ist ein weltweit tätiger Schriftsteller, Theater- und Radioschauspieler. Aus den USA kommend hat er seine Wahlheimat auf dem Künstlerhof Alt-Lietzow 12 gefunden und leistet von hier aus mit seiner Arbeit internationalen Kulturaustausch zwischen Berlin – Dubrovnik – New York. Der inhaltliche Schwerpunkt seines Wirkens ist das Werk von Shakespeare. Er ist der Intendant des Dubrovnik Shakespeare Festivals. Als weiteres Projekt plant er ein englisches Theater in Berlin. Von der Stadt Berlin handelt auch eines seiner Bücher.

Stephan Herold

Er gilt als einer von nur noch wenigen gelernten Holzblasinstrumentenbauern und ist außerdem Musiktherapeut. Er studierte Querflöte (Konservatorium München), Musikwissenschaften und –ethnologie, sowie Musiktherapie in Berlin.

Seit 22 Jahren hat er im Künstlerhof Alt-Lietzow 12 seine Werkstatt. Durch Reparaturen und durch den Bau von eigenen Instrumenten machte sich seine Firma „Die Flöte“ einen Namen in Berlin. Neben Köpfen aus Silber und Holz ( Anblasstücke für Böhmflöten) entstehen in der Werkstatt von Stephan Herold eine Reihe von Flöteninstrumenten anderer Kulturen mit anderen Anblastechniken. Nach einem Studium der Musiktherapie entstanden weitere Instrumente für den therapeutischen Bedarf, wie Obertonflöten und einige einfache Saiteninstrumente ( Brettzithern).

Er pflegt diverse Kontakte zu anderen Musikern, u.a. einem Flötisten an der Deutschen Oper. Mit seinen Sessions sorgt er für eine kreative und friedvolle Stimmung vor Ort. Zukünftig sind in Planung eine Flötenschule und Veranstaltungen wie beispielsweise Hofkonzerte.

Stephan Herold hat unseren Künstlerhof mittlerweile verlassen.

Stattdessen sind zwei Bildende Künstlerinnen eingezogen: Susanne Heitmann und Maren Osterloh.

Außerdem ist unser Bildhauer ausgezogen, in dessen Atelier auch eine Malerin eingezogen ist.

Annette Wandrer

Diplomkeramikerin, Studium an der HiF / Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland, Kunst- und Keramikpreise, Ankäufe von Museen und öffentlichen Einrichtungen (u.a. Württembergisches Landesmuseum Stuttgart, Keramion Frechen), sowie Arbeiten im öffentlichen Raum, (Poliklinik Nord in Halle/Saale, Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin). Sie stellt in ihrer Keramikwerkstatt künstlerische Keramiken, Lichtobjekte und Skulpturen her, die durch das Schaufenster an der Straßenfront des Hauses Alt-Lietzow 12 Passanten auf den Künstlerhof aufmerksam machen. Dort arbeitet sie seit 22 Jahren. Ihre Arbeiten verkauft sie in ganz Deutschland.

Regina Liedtke – Praxis für kreatives Gestalten, Therapie und Supervision / Coaching

Kunsttherapeutin (grad. DGKT, Mitglied in der DGKT und im DFKGT) und Bildende Künstlerin (Meisterschülerin HdK Berlin, Mitglied im BBK) – hat seit 10 Jahren im hinteren Teil des Künstlerhofs ihre Praxis mit separatem Eingang. Sie führt eine von ganz wenigen wirklich professionellen Praxen für Kunsttherapie und ist damit Pionierin in diesem noch jungen Berufsfeld der Künstlerischen Therapieformen. Sie leistet in ihrer Praxis eine wichtige gesellschaftliche Arbeit, indem sie Problembereiche wie beispielsweise der Verlust von Kreativität, Burnout, Tod und Trauer, Depression und Sinnlosigkeit aus ihrem Schattendasein herausholt und einer künstlerisch-therapeutischen Heilung zuführt. Mit ihrer Arbeit setzt sie sich für Selbstwirksamkeit,  Kreativität und Sinnfindung ein.

Außerdem: Veranstaltungen wie Tage der offenen Tür, Lesungen, kollegiale Treffen, Arbeitskreise und Kreativworkshops. Auf ihrem Blog „kreativundheilsam“ engagiert sie sich für fachliche und aktuelle gesellschaftliche Themen.

Ihr künstlerisches Atelier hat sie in Schöneberg.

 

4. Die ungewisse Zukunft des Künstlerhofs Alt-Lietzow 12

Gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt der dringend notwendigen Neuausrichtung im Sinne der Leitlinien für die City-West kommt dem Künstlerhof Alt-Lietzow 12 eine wichtige Funktion als Bindeglied zu der hier wohnenden Bevölkerung zu. Denn auch eine „Universität der Künste“, eine sowieso dezimierte Galerienlandschaft und eine „Deutsche Oper“ brauchen ein entsprechendes Umfeld und eine Verankerung der Künste in der Gesellschaft. Ansonsten drohen sich die strukturellen Probleme zu verschärfen, da eine einseitige Ausrichtung auf Highlights und Höchstleistungen immer mehr Menschen als Verlierer zurück läßt.

  • Hier leistet der Künstlerhof Alt-Lietzow 12 eine wertvolle Arbeit, wobei sein Entwicklungspotential für die Zukunft längst nicht ausgeschöpft ist.
  • Doch dies alles droht wegzubrechen, denn der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf und das Land Berlin sind entschlossen, das Grundstück und Haus Alt-Lietzow 12 zu verkaufen! 
  • Damit verlieren wir hier arbeitende Künstler und Kulturschaffende unsere Existenzen als kleine Selbständige, die bisher an diesem Standort mit ihrer Arbeit ihr eigenes Geld verdienen, jedoch angesichts der enorm steigenden Mietpreise im Bezirk keinen vergleichbaren Standort finden können!

An dieser Stelle sei nochmals auf die Stellungnahme des BBK in Bezug auf die aktuelle Untersuchung des Instituts für Strategieentwicklung und dessen Darstellung der prekären Lage der KünstlerInnen in dieser Stadt hingewiesen!

 

5. Protest und Appell

Von dem bevorstehenden Verkauf unserer Arbeits- und Wirkungsstätte erfuhren wir erst vor Kurzem. Trotz räumlicher und kommunikativer Nähe zum Bezirksamt haben wir erst davon Kenntnis erhalten, als die Veräußerung des Grundstücks längst beschlossene Sache war. Ja sogar als das Objekt bereits dem Liegenschaftsfond Berlin übergeben war, wehrte man vonseiten des Bezirksamts unsere besorgten Nachfragen noch mit Kommentaren ab wie: „Das ist ein ganz normaler Verwaltungsakt“, „Machen Sie sich keine Sorgen“, „Das hat nichts zu bedeuten“.

Obwohl über viele Jahre regelmäßige Kontakte zur Bürgermeisterin Frau Thiemen und zur Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragten Frau Rabe (Unternehmerinnen-Stammttisch) bestanden und der „Stadtrat für Wirtschaft, Ordnungsangelegenheiten und Weiterbildung“ Herr Schulte gleichzeitig die Verwaltung unseres Hauses und die Förderung von Wirtschaft, Kunst und Kultur innehatte (siehe Anhang 2), hat man nichts unternommen, den Künstlerhof zu fördern und zu erhalten oder uns von dem geplanten Verkauf des Hauses zu informieren.

Ganz im Gegenteil: Erst nach insistierendem Nachforschen eröffnete man uns von seiten des Liegenschaftsfonds, daß der Verkauf gerade vorbereitet wird. Das war am 25. Mai 2011. Seitdem tickt für uns die Uhr.

Empörend ist außerdem, daß uns noch nicht einmal das Angebot gemacht wurde, das Haus selbst zu erwerben oder ein Vorkaufsrechts eingeräumt wurde. Auch eine Nutzungsbindung beim Verkauf wird vom Liegenschaftsfond Berlin abgelehnt, was schon allein deshalb verwundert, da das Gebäude sowieso für keinen anderen Nutzungszweck geeignet scheint. In der Vorstellung des Liegenschaftsfonds ist es sogar so, daß die spätere Nutzung überhaupt keine Rolle spielt.

Entscheidend soll einzig und allein sein, wieviel Geld mit dem Verkauf in Berlins klamme Kassen gespült wird!

Wo wenige hundert Meter entfernt in großem Stil Wirtschaft, Kultur und Vernetzung gefördert werden und die Standortsicherung und Beteiligung der vor Ort Ansässigen konzeptionell verankert ist, soll der Künstlerhof Alt-Lietzow 12 per Verwaltungsakt einfach von der Bildfläche verschwinden.

Ist das die „gerechte Umverteilung“ nach rot-rotem Muster?!

 

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>>> Wir als Mietergemeinschaft des Künstlerhofs Alt-Lietzow 12 wehren uns gegen die mangelnde Wertschätzung unserer seit über 30 Jahren geleisteten Arbeit, gegen die fehlende Möglichkeit der Partizipation bei der Entscheidungsfindung und gegen die Zerstörung unserer Existenzen als Künstler und als kleine Selbständige!

>>> Wir protestieren gegen den Verkauf unseres Hauses im geplanten Bieterverfahren ohne eine den Künstlerhof erhaltende Nutzungsbindung!

>>> Wir fordern alle politisch Verantwortlichen auf, sich im Sinne der oben beschriebenen Darstellung für den Erhalt des Künstlerhofs Alt-Lietzow 12 einzusetzen!

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Aufgrund unseres Protestes ist uns im Oktober 2011 das Recht auf Direkterwerb – Ende 2012 dann per Erbpacht – zugesprochen worden.

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Anhänge:

Anhang 1:

information des bbk berlin   24.06.2011 ______________________________

Neue Untersuchung zur Lage der Kunst und der Bildenden Künstlerinnen und Künstler in Berlin

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Das Institut für Strategieentwicklung hat jetzt seine Studie „Studio Berlin II“ ins Netz gestellt.  In Zusammenarbeit mit dem bbk berlin und unter Mithilfe zahlreicher Künstlerinnen und Künstler zusammen, dokumentiert sie die soziale und wirtschaftliche Situation von Künstlerinnen und Künstlern in Berlin, ihre Arbeitsbedingungen und –Voraussetzungen.

Die Studie kann unter (http://www.ifse.de/html/studio_berlin.html) aufgerufen werden. Der bbk berlin kommt in einer ersten Bewertung zu folgenden Schlussfolgerungen:

Studio Berlin II – Eine Untersuchung des Instituts für Strategieentwicklung über Berlin als Produktionsstandort für Gegenwartskunst

Erste Schlussfolgerungen

1.)   Die wirtschaftliche Lage fast aller Bildenden Künstlerinnen und Künstler in Berlin ist prekär. Ihr Durchschnittseinkommen erreicht noch nicht einmal die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens aller abhängig Beschäftigten, fast 70% verfügen über ein Einkommen von unter bzw. bis maximal 12.000 € im Jahr. Viele sind von Zuwendungen von Lebenspartnern und Eltern abhängig, ebenso viele – nämlich etwa 10% – von Hartz IV. Nur bei etwa 20% reichen die Einnahmen aus Berufsfeldern der Bildenden Kunst aus, um auch nur die Kosten der eigenen Produktion zu decken.

2.)    Wenn Berlin für Bildende Künstlerinnen und Künstler noch immer attraktiv ist, so deshalb, weil eine kritische Masse überschritten ist – es sind bereits so viele Künstlerinnen und Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren, Galeristinnen und Galeristen, überhaupt Menschen, die sich beruflich mit Kunst befassen, in Berlin, dass diese Groß-Community immer wieder neue Menschen anzieht. Möglich ist das jedoch nur, weil Mieten und Lebenshaltungskosten in Berlin im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten noch relativ niedrig sind und infrastrukturelle Angebote wie Atelierförderung und Werkstätten zur Verfügung stehen. Im Umkehrschluss: Geschäftsgrundlage für Berlin als weltweit bedeutender Standort für Gegenwartskunst sind bezahlbare Mieten und Lebenshaltungskosten, sind Stadtquartiere, die ihre urbane Qualität in sozialen und Nutzungsmischungen behaupten können und Raum für finanzschwache Künstlerinnen und Künstler, künstlerische Projekte und off-spaces bieten können. Fast alle Künstlerinnen und Künstler würden Berlin verlassen, wenn Berlin diese Geschäftsgrundlage nicht mehr einhalten kann.

3.)    Ebenso wie die künstlerischen Tätigkeitsfelder sehr vielfältig sind und weit über die klassische Malerei hinaus reichen, sind es auch die künstlerischen Überlebensstrategien. Einnahmen aus Werkverkäufen überwiegen unter den Gesamteinkünften nur bei etwas mehr als einem Zehntel der Künstlerinnen und Künstler, die im Übrigen Einnahmen aus anderen künstlerischen Tätigkeitsfeldern wie etwa Projekten der Kunst im Öffentlichen Raum, Projekten in sozialen oder pädagogischen Zusammenhängen oder Lehrtätigkeiten erzielen. Viele sind nebenberuflich nicht-künstlerisch erwerbstätig.

Kunst ist heute mehr denn je performativ, diskursiv und konzeptionell. Der Begriff von Kunst reicht weit über verkäufliche Objekt-Kunst (Malerei, Fotographie, Skulptur) hinaus. Die eigentlichen Schauplätze künstlerischer Diskussion, künstlerischen Austausches und Kunstpräsentationen sind deshalb heute hunderte von Projekträumen und off-spaces, kommunale Galerien und oft temporäre Projekte in öffentlichen Räumen.

Auch für die Kunstverkäufe selbst spielen kommerzielle Galerien nur eine untergeordnete Rolle. Nur etwa ein Viertel der Künstlerinnen und Künstler hat lose oder engere Geschäftsbeziehungen zu Galerien. Von diesen wiederum befinden sich nur ein Drittel in Berlin, die Übrigen haben ihre Sitze in anderen Teilen Deutschlands oder im Ausland. Im Übrigen gibt nur ein sehr kleiner Teil der Künstlerinnen und Künstler an, dass für sie Arbeitsbeziehungen in die Kultur- oder Kreativwirtschaft relevant sind.

4.)    Diese Tatsachen erlauben mehrere elementare Schlussfolgerungen:

–          Wie alle finanzschwachen Bürger Berlins sind Künstlerinnen und Künstler auf eine aktive Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik zwingend angewiesen. Schon jetzt sind die Ateliers und Arbeitsplätze für fast die Hälfte der Künstlerinnen und Künstler unzureichend oder unmittelbar gefährdet, werden die für die künstlerischen und intellektuellen Austausch- und Arbeitsprozesse elementar wichtigen Projekträume und off-spaces in weiten Teilen der Berliner Innenstadt unter Verdrängungsdruck gesetzt.

–         Notwendig sind wirksame Begrenzungen des Mietanstieges bei Wohnungen und Gewerbe und der Neuaufschluss bezahlbarer Arbeits- und Wohnflächen im innerstädtischen Bereich. Das erfordert eine Umkehr in der Stadtentwicklungspolitik, die zehn Jahre lang buchstäblich gar nichts mehr stattfand. Das erfordert aber auch sektorale Entwicklungsprogramme, zu denen der Ausbau der Atelierförderung, eine spezifische Förderstruktur für Projekträume, off-spaces und Produzentengalerien, eine intensive Nutzung verfügbarer landeseigener Flächen als Produktionsstätten für Bildende Kunst und die Verfügbarkeit unbebauter Grundstücke auch für die Neuerrichtung von Ateliers gehören.

–         Unbedingt muss die Einkommenssituation professioneller Bildender Künstlerinnen und Künstler stabilisiert werden. Kunst darf nicht zum beruflichen Privileg höherer Töchter oder Söhne werden, ihre Qualität nicht immer durch fehlende Nachhaltigkeit, permanent unterbrochene Arbeitsprozesse und chronische Existenzangst in Frage gestellt sein. Zumindest muss deshalb künftig die von Künstlerinnen und Künstlern erbrachte Leistung honoriert werden. Das Land Berlin sollte deshalb dort, wo Künstler Ausstellungen des Landes Berlin oder von ihm geförderter Institutionen mit ihren Werken erst ermöglichen, an sie regelmäßig Honorare zahlen. Die Tatsache, dass bisher ein erheblicher Teil der künstlerischen Lebens- und Arbeitsleistung im Normalfall überhaupt nicht bezahlt wird, ist eine der maßgeblichen Ursachen für die wirtschaftliche Not und Unselbständigkeit vieler Künstlerinnen und Künstler.

–         Auch diese Studie belegt erneut, dass die sogenannte Kulturwirtschaftsinitiative und das „Projekt Zukunft“ des Berliner Senates, die an sich auch freiberuflich arbeitenden Künstlerinnen und Künstler zugute kommen sollen, sie in der bislang praktizierten Form nicht nur nicht erreicht, sondern Geldverschwendung sind. Websites wie „ creative berlin“ und die selbst noch über Bezirke erfolgende Finanzierung von Beratungsagenturen für sogenannte „creative industries“ haben mit der Lebens- und Berufswirklichkeit professioneller Künstlerinnen und Künstlern nichts zu tun. Der Aufbau berufsspezifischer Informationsnetzwerke, gerade auch für internationale Künstlerinnen und Künstler wäre demgegenüber, wie auch aus der vorliegenden Studie deutlich hervorgeht, zwingend erforderlich, unterbleibt aber unter ausdrücklichem Hinweis auf die genannten Aktivitäten. Auch der Einsatz von Investitionsmitteln für sogenannte Gründerzentren hat keinen zusätzlichen Arbeitsraum für Künstler geschaffen, die auch von Kreditprogrammen der Investitionsbank nur in seltenen Einzelfällen sinnvoll profitieren können. Ein auf die tatsächlichen Informations- und Kommunikationsbedürfnisse Bildender Künstlerinnen und Künstler orientierter Einsatz verfügbarer Wirtschaftsförderungsmittel ist künftig, wenn nicht weiterhin Geld verbrannt werden soll, unbedingt erforderlich.

bbk berlin, im Juni 2011

_____________________________________________

mit freundlichen Grüßen bbk berlin

Geschäftsstelle
Köthener Str. 44
10963 Berlin
tel 030 230 899-11
fax 030 230 899-19
http://www.bbk-berlin.de

————————————————————————————————-
HRB 15827, Amtsgericht Charlottenburg
USt-IdNr. DE136782248, St.Nr. 27/603/51270
Finanzamt für Körperschaften I
Geschäftsführer: Bernhard Kotowski, Egon Schröder

Anhang 2:

http://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/org/wiberat/kulturwirtschaft.html

Kulturwirtschaft

Charlottenburg-Wilmersdorf ist einer der bedeutendsten Kulturstandorte Berlins mit herausragenden öffentlichen Kultureinrichtungen und mit einer im landesweiten Vergleich überproportional vertretenen Kulturwirtschaft, die wesentlich zur Gesamtwirtschaft des Bezirks beiträgt. Hierzu gehören die Unternehmen des Mediensektors (Film, Funk, Fernsehen, Internet), der Darstellenden Künste (Bühnen, Show, Entertainment, Musik), der Bildenden Künste (Galerien, Künstler), des Literaturbetriebs (Verlage, Autoren), des Ausstellungswesens sowie Unternehmen der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Es finden sich sowohl Großunternehmen z.B. der öffentlich rechtliche Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb), als auch große mittelständische Betriebe, z.B. das Theater des Westens. Der überwiegende Teil der Kulturwirtschaft besteht jedoch aus Klein- und Mittelstandsunternehmen (KMU) oder ist freiberuflich organisiert. Dazu gehören sowohl die Galerien als auch die Werbeagenturen, Medienunternehmen, freie Theater und Produktionsgesellschaften. Hierbei handelt es sich primär um kleine und kleinste häufig um sehr junge Unternehmen oder Existenzgründer, die besonders gefördert werden sollten, da sie innovative und zukunftsorientierte Beiträge für die kulturelle Produktion des Bezirks liefern, die sie aber zum Teil unter prekären Bedingungen produzieren. Im Unterschied zu den anderen Bezirken ist der Export der Ergebnisse aus der Kulturwirtschaft größer als der Import aus den anderen Bezirken, wobei insbesondere die Kulturschaffenden in Kreuzberg und Prenzlauer Berg die Unternehmen in Charlottenburg-Wilmersdorf als Export-Plattform nutzen können.

Vor 1989 standen die beiden damals noch eigenständigen Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf nahezu allein für die Kultur des damaligen West-Berlin. Heute wird Kultur in Charlottenburg-Wilmersdorf zwar noch von außen als Teil der Berliner Kultur wahrgenommen, ist aber nicht mehr als hervorgehobenes Kulturleben zu erkennen. Ziel ist es deshalb, den traditionellen Kulturwirtschaftsstandort zu profilieren und Unterstützungsstrukturen zu schaffen, die der drohenden Abwanderung von Kultureinrichtungen entgegenwirken und die Ansiedlung von Unternehmen der Kulturwirtschaft fördern sollen.*

(Hervorhebungen von den Autoren der Stellungnahme / Mietergemeinschaft Künstlerhof Alt-Lietzow 12)
Aktionen in diesem Handlungsfeld können sein:

– Entwicklung eines Leitbilds Kulturwirtschaft

– Initiierung eines Netzwerks zwischen Kultur und Wirtschaft

– Vernetzung der Kulturproduzierenden in Charlottenburg-Wilmersdorf

– Kulturarbeit und Öffentlichkeit

– Wirtschaftliche Potentiale sichtbar machen und nutzen

* Die Analyse bezieht Ergebnisse einer Voruntersuchung der MAGIE Consulting Ltd. BERLIN mit ein

Anhang 3:

Anhang 3 zur Stellungnahme (PDF / 1 MB) – Zeitungsartikel

 

2 Gedanken zu “Stellungnahme zum Erhalt des Künstlerhofs”

  1. Mittlerweile tut sich etwas in unserem Umfeld:

    Die City-West ist zu neuem Leben erwacht.

    Und der Problembezirk Charlottenburg Nord erhält eine Strukturförderung.
    http://www.abendblatt-berlin.de/2015/10/07/der-norden-wird-schoener/

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